Ist die Wahrheit eine Erfindung des Menschen?

Ein philosophischer Essay von Valerian A. Portokalis.

(pl-3 - Erkenntnis und Wahrheit)

 

Um einer solchen Frage auf den Grund zu gehen, muss man Wahrheit erst einmal definieren, klären was Wahrheit ist.

Einerseits kann die Wahrheit als allgemeingütig und unabhängig gesehen werden. Wenn etwas wahr ist, dann existiert es in genau der Form, die wahr erscheint. Im Prinzip setzten wir dann Wahrheit mit Existenz gleich. Die Aussage „In der Nacht regiert die Dunkelheit“, allgemein gesehen eine Wahrheit, verdeutlicht also, dass nachts Dunkelheit existiert.

Bei dieser Gleichsetzung von Existenz und Wahrheit ergeben sich natürlich verschiedene Probleme. Einerseits müssten die Wahrheiten dann ja allgemein gültig sein, überall im Universum. Nun würde aber ein Bewohner der nördlichsten Breitengrade die oben genannte Aussage niemals bestätigen. Man könnte natürlich das Beispiel als unpassend bzw. ungeschickt gewählt bezeichnen. Aber auch eine Aussage wie „Die Blütenblätter sind rot“ würde in anderen Kulturkreisen niemand benutzen, teilweise gibt es keine genauere Unterteilung der Farbigkeit und somit sind für Menschen anderer Kulturen „die Blütenblätter farbig“. Es existiert also keine rote Blume? Aber was sehen wir denn?

Nun könnte man sich in rationalistischer Herangehensweise dem Problem nähern und die Sinne als unzuverlässig bezeichnen, aber ausgehend vom Menschen als Synthese aus Geist und Körper muss durchaus etwas vorhanden sein, was wir als Blume bezeichnen. Es existiert also die Blume, aber für die einen ist sie rot, für andere einfach farbig, für einige schön, für andere warnt sie womöglich vor giftigen Substanzen. Man kann also sagen, dass die Wahrnehmungen und somit die Wahrheiten sich von Kulturkreis zu Kulturkreis ändern.

Das würde bedeuten, dass Wahrheit auf Tradition, Erfahrung, Vorstellungen, Werten und Ideen einer Kultur basiert.

Wir haben die allgemeine Wahrheit also zerlegt und von der Kultur abhängig gemacht. Diese Unterteilung kann natürlich fortgesetzt werden. Betrachtet man die Beschreibung eines Tathergangs durch den Täter, das Opfer, die verschiedenen Augenzeugen und durch die Schlüsse aus sachlichen Untersuchungen, so beobachtet man viele verschiedene Berichte. Sollte dem Täter eine Strafe drohen, scheint es verständlich, dass dieser bewusst lügt. Das Opfer andererseits könnte, mit dem Beweggrund Rache, bewusst übertreiben, um dem Täter eins auszuwischen. Aber auch zwischen den verschiedenen, angenommen unabhängigen Augenzeugen unterscheiden sich die Berichte meist sehr, ohne das einer von ihnen bewusst lügt. Jeder erzählt also seine eigene Wahrheit genauso wie zum Beispiel eine ballistische Untersuchung, die, je nach dem von wem sie durchgeführt wird, verschiedene Wahrheiten ans Tageslicht bringen kann. Das würde bedeuten, dass die Wahrheit subjektiv ist und somit keine allgemeine Wahrheit mehr ist, sondern eher viele einzelne Wahrheiten. Die allgemein anerkannte Wahrheit trägt also Kompromisscharakter und ist als Schnittmenge der subjektiven Wahrheiten zu verstehen. „Die“ Wahrheit müsste als immer schwerer zu finden sein, umso mehr Menschen sie akzeptieren sollen, bzw. umso mehr Leute in die Wahrheitsfindung involviert sind.

„Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung“ ist eine Aussage welche den Grundwert der Meinungsfreiheit in unsere alltäglichen Gespräche einfließen lässt. Diese eigenen Meinungen sind aber quasi auf subjektiven Wahrheiten aufgebaut. Wenn jemand seine Meinung rechtfertigt, dann beruft er sich auf Wahrheiten, die für ihn persönlich gelten. Das heißt, erweitert könnte die Aussage lauten: „Jeder hat das Recht auf seine eigene Wahrheit.“ Auch in alltäglichen Diskussionen sind Parallelen zur Wahrheitsfindung zu beachten, denn schließlich hat die Diskussion als Ziel einen gemeinsamen Konsens zu finden. So auch bei der Findung einer objektiven Wahrheit.

Wenn die Wahrheit auf dem Kompromiss der betroffenen Menschen basiert, dann folgt daraus, dass es ein menschliches Konstrukt sein muss, welches entstand um das Zusammenleben in einer Gesellschaft zu gewährleisten. Schließlich wäre die Wahrheit dann das Produkt von menschlicher Kommunikation. Aber wann hat sich diese Wahrheit entwickelt? Und kannten die Menschen davor keine Wahrheit?

Nun, ich denke, dass sich die Wahrheit parallel zur menschlichen Kommunikation entwickelte, d.h. bereits als die ersten Formen des Zusammenlebens der Menschen entstanden, entwickelte sich die Wahrheit zur Basis der Organisation in der Gesellschaft. Es ist ein Kompromiss, den ein jeder leisten muss, um sich mit den anderen Mitgliedern der Gesellschaft zu arrangieren. Es ist ein gemeinsamer Wert, einer von diesen Werten die das Fundament einer Gesellschaft bilden, so wie zum Beispiel auch Vorstellungen von Gut und Böse, von Gerechtigkeit und Glück. Erst wenn sich eine Gruppe von Menschen auf diese fundamentalen Wertvorstellungen einigen, ist ein problemloses Zusammenleben gewährleistet. Also ist Wahrheit eine von den selbstorganisatorischen Konstruktionen und Ideen des menschlichen Zusammenlebens.

Aber es muss noch eine weitere Wahrheit geben. Ein Phänomen, das wir durch unser Wahrheitsverständis erst sichtbar machen können: Eine Wahrheit, welche neben unserer subjektiven Wahrheit existiert, nämlich die „wirkliche Wahrheit“, das was wirklich eingetreten ist bzw. das, was wirklich existiert . Allerdings kann kein Mensch diese irgendwie erkennen, denn jeder ist nun mal in seiner Subjektivität gefangen. Diese absolute Wahrheit wird allerdings, da deren Existenz jedem Menschen mehr oder weniger bewusst ist, oft angestrebt. Bestes Beispiel die Justiz, die (im Normalfall) nach der objektivsten Wahrheit sucht und somit ebendiese absolute Wahrheit anvisiert.

Der Mensch hat, meiner Meinung nach, also parallel zur Entwicklung des organisierten Zusammenlebens, die dafür benötigten Fundamente, nämlich allgemein akzeptierte Werte, unter denen sich auch die Wahrheit befindet, geschaffen. Durch die Vorstellung von Wahrheit, die ein jeder besitzt, können die Menschen darauf schließen, dass es eine absolute Wahrheit geben muss, die nicht von der menschlichen Subjektivität geprägt ist und das diese das beschreibt, was wirklich wahr ist. Davon hat aber wiederum jeder ein anderes subjektives Bild. Somit hält die eigene Wahrheit im Kopf eines jeden Menschen das Monopol, denn nur sie ist für die entsprechende Person wirklich wahr.

Die Wahrheit als Wert also scheint eine Erfindung, ein Konstrukt des Menschen und der Gesellschaft zu sein, wodurch allerdings die Erkenntnis der Existenz des Phänomens Wahrheit erst möglich wurde. Dieses ist aber trotzdem vom menschlichen Verstand nicht einsehbar.