Ist die Wahrheit eine Erfindung des Menschen?

Ein philosophischer Essay von Rebecca Mehling.

(pl-3 - Erkenntnis und Wahrheit)

 

Wenn man dem Begriff „Wahrheit" auf den Grund gehen möchte, kann man sich fragen, was er für uns bedeutet.
In unserem Wortschatz ist das Wort „Wahrheit" fest verankert und mit einem Artikel versehen, ganz so, als sei es ebenso offensichtlich und greifbar wie „der Tisch" oder „das Lachen". Wir haben also die Wahrheit in ihrer Komplexität auf einen simplen Begriff reduziert, der eben nicht so sichtbar ist wie ein „Tisch" oder ein „Lachen" - im Gegenteil, Wahrheit sieht, hört, spürt, riecht oder schmeckt man nicht. Der einzige Zugang ist, sie auszusprechen, eben „die Wahrheit sagen". Ist Wahrheit damit nur ein Wort, etwas, was außerhalb aller Erfahrung liegt, hat es also einen „nur" metaphysischen Status so wie „Gott" oder das „Gute"? Ist es gar nur einer dieser Fallstricke unserer Sprache? Wir setzen einen Artikel vor ein Wort, dessen Grenzen wir nicht kennen, und „gießen" es damit in „Beton", kriegen es zu fassen, machen es sozusagen „begreiflich".

Aber was wäre, wenn wir genauer sein wollten, wenn wir also versuchen würden, solche Sammelbegriffe wie „die Wahrheit" aufzugeben, um jedem einzelnen Detail, das wir für wahr halten, gebührende Beachtung zu schenken. Kommunikation würde im Endlosen versanden. Die Menschen könnten sich nicht mehr verständigen. Maximale Präzision würde einen permanenten Teilungsprozess nach sich ziehen, weil wir immer noch genauer formulieren müssten, was wir meinen. Es ist zweifelhaft, ob der Mensch auf diese Art zu einer wie auch immer gearteten Wahrheit vorstoßen könnte. Aussprechen könnte er sie nicht mehr. Welchen Wert hätte Wahrheit dann noch, wenn ich sie nicht mitteilen kann? Ein Beispiel: Wir sagen: „Das ist Peter!". Wir halten diese Aussage für wahr, aber was genau der Name „Peter" impliziert, seine Talente, Erfahrungen, Vorlieben, Gefühle, all die Ding, die „Peter" zu dem machen, was er ist, werden der Funktion des Namens geopfert- auf ihn verweisen zu können. Sprache verweist also offenbar, wenn sie Begriffe benutzt, die für sich genommen unpräzise sind, aber eben doch Inhalte implizieren. Die Frage wäre nun, ob man bei dem Begriff „Wahrheit" sozusagen „Wahres" explizieren kann, wenn man den Begriff nur lange genug daraufhin untersucht, was ihn ausmacht. Bei dem Beispiel „Peter" ist das schon schwierig genug, denn alle Schilderungen werden eben doch „Peter" in seiner Ganzheit nicht gerecht. Doch immerhin könnte man bei „Peter" noch auf Beobachtetes, Erfahrungen, Fakten zurückgreifen. Bei dem Begriff „Wahrheit" ist das schwieriger, denn „Wahrheit" kann man nicht erfahren, wenn man nicht weiß, was wahr (und damit auch falsch) ist. Ist „Wahrheit" nur ein Platzhalter für das, worauf sich Menschen in bestimmter Hinsicht geeinigt haben und immer wieder einigen? Ist „Wahrheit" damit gar nicht so in „Beton gegossen", wie es die Verwendung des Artikels suggeriert? Ist „Wahrheit" damit in Wahrheit etwas sich dauernd Veränderndes, weil Menschen, und zwar immer wieder neue Menschen sich prozesshaft einigen, was „Wahrheit" ist? Ist „Wahrheit" genauso ewig wie „ewiges Sein" oder so beweglich wie „dauerndes Werden"? Vielleicht sehnt sich der Mensch angesichts permanenter Veränderung nach etwas festem, etwas, worauf er vertrauen will, weil es sich nicht ändert, etwas, was er dann „Wahrheit" nennt.

Sprache ist also unscharf und opfert der Kommunikation die Präzision. Dadurch, dass wir Dingen Namen geben, erscheinen sie uns „wahr" im Sinne von „existent". Wir benennen unsere Umwelt mit Namen und Begriffen, die dem subjektiven Sinnenapparat scheinbar neutral gegenüberstehen. Es macht für den „Baum" kein Unterschied, ob wir ihn „Baum" nennen oder nicht. Er besteht aus Stamm und Ästen, was sich wiederum unterteilen ließe. Für seine Existenz ist das aber unwesentlich. Wir treffen Übereinkünfte, damit Verständigung möglich wird. Und so, wie wir in der Sprache uns auf „wahr" und „falsch" einigen, so tun wir es auch in der Moral. „Gut" und „böse" sind Begriffe, die vom Menschen gemacht sind. Ob es „das Gute" gibt, wissen wir genauso wenig wie, ob es die „Wahrheit" gibt. Man kann in dieser Ansichtsweise eine Analogie zu Platons Aussage „was wahr ist, ist gut. Was gut ist, ist schön. Und was schön ist, ist wahr" sehen. Und doch bleibt der bittere Beigeschmack, dass wir eventuell für alle drei Begriffe keine offensichtlichen Kriterien haben. Es lässt sich also feststellen, dass wir permanent Übereinkünfte treffen und wohl auch treffen müssen, damit wir unser menschliches Grundbedürfnis nach festen Normen und Werten stillen. Wenn man will, kann man diese Werte und Normen „Wahrheit" nennen, auch wenn sie einer permanenten Veränderung ausgesetzt sind, was aber ja eben auch eine Kultur ausmacht.

Unsere gesellschaftlich anerkannten Konventionen sind Kriterien, die von uns für wahr gehalten werden, es sind Gesetze, die niemand außer uns vorgegeben hat. Unsere Gesetze sind uns nicht in der Natur vorgegeben, im Tierreich existieren weder das „Wahre" noch „das Gute" noch „das Schöne"- zumindest soweit wir es wissen können.

Wie Goethe in seinem Gedicht „Das Göttliche" zum Ausdruck brachte, ist der Mensch das einzige Wesen, welches Wahrheit schafft:

Nur der Mensch allein vermag das Unmögliche:

Er unterscheidet, wählet und richtet;

Er kann dem Augenblick Dauer verleihen.

Goethe stellte hierbei die unglaubliche Schwere und Ewigkeit, die mit dem Begriff „Wahrheit" verbunden ist, in Kontrast mit den Werten und gesellschaftlichen Konventionen, die sich im ständigen Fluss („alles fließt"- Heraklit) befinden. Somit hat der Mensch die Eigenschaft, seine eigene Wahrheit zu erfinden, die jedoch nicht zwangsläufig über seinen jeweiligen Lebensbereich hinausreicht. Wahrheit ist also vielleicht nur ein Produkt der Subjektivität und darüber hinaus auch noch relativ und temporär.