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Warum eine Studienreise ins Kloster?
Geschichtsdidaktische Zeitschriften liefern Geschichtslehrern Argumentationshilfen, um die
Fachkonferenzen von der Wichtigkeit des Unterrichtsthemas "Kloster" zu überzeugen. Unabhängig
davon äußerten unsere 18-jährigen Schüler - in diesem wie im letzten Schuljahr - von sich aus
ein starkes Interesse, ein Kloster zu besichtigen und womöglich eine oder mehrere Nächte dort
zu verbringen. Verbergen sich hinter dieser Neugierde geheimnisvoll-gruselige Vorstellungen
(man denke an Filme wie "Der Name der Rose")? Oder steht dahinter eher der Wunsch, diese in
unserer säkularisierten Gesellschaft unbekannte Lebensdimension zu erforschen? Das bleibe
dahin gestellt.
Bedenkt man die universalgeschichtliche Bedeutung des Klosterlebens, so findet man schon
darin Grund genug, sich diesem Thema zu widmen. Mönche und Nonnen haben Fundamente für
wichtige Aspekte der modernen Welt gelegt: Elemente des Sozialstaates (Charitas als
Grundsicherung), betriebswirtschaftliche und bürokratische Optimierungsregeln, das moderne
Arbeitsethos (asketische Rationalität). Außerdem wurde das Wissen griechischer und römischer
Schriftsteller und Philosophen in Klöstern aufbewahrt und weiter gegeben. Darüber hinaus sind
historische Fakten wie Kloster- und Stadtgründungen im Mittelalter, Urbarmachung neuer
Gebiete, Kreuzzüge, Inquisition, Ketzerverfolgung und Gegenreformation eng mit der Geschichte
von Glaubensorden verknüpft.
Andererseits widerspricht die Lebensform der Ordensleute unseren heutigen Vorstellungen
von gesellschaftlichem Fortschritt, demokratischer Partizipation und freier Entfaltung der
Persönlichkeit; dies eröffnet Jugendlichen Möglichkeiten für eine kontroverse
Auseinandersetzung mit dem Thema.
Die Fahrt
Es ist Montagmorgen am 10.12.2007 und rund 30 Schüler versammeln sich vor dem
Albert-Einstein-Gymnasium, alle mit demselben Ziel: Kloster St. Marienstern. Alle sind noch
leicht verschlafen und der Tatendrang stellt sich erst so langsam ein. Nach zwei ein halb
Stunden Fahrt erreichen wir Bautzen, eine mittelalterliche Stadt, dort beginnt auch sogleich
die erste Unterrichtseinheit. In einem Rundgang erfahren wir über den sorbischen Hintergrund
der Stadt und lernen die historische Altstadt kennen. Der St. Petri Dom beeindruckt dabei
besonders, er ist die einzige Simultankirche in den neuen Bundesländern. Bei dem Spaziergang
erhält man viele kleine Eindrücke, die einem das Mittelalter näher bringen.
Am Ende hatten Schüler und Lehrer nicht nur die großen
Sehenswürdigkeiten der Stadt kennen gelernt, wir waren im Theater, wir waren
essen im Restaurant, und schließlich hatten wir alle neue Freunde gefunden und
beim Abschied am 15. Mai floss die ein oder andere Träne.
Ankommen
Eher unauffällig liegt das Kloster St. Marienstern unmittelbar an einer wenig befahrenen
Landstraße, die in einer einzigen weiten Kurve das kleine Örtchen Pannschwitz-Kuckau in der
Oberlausitz durch quert. Man fühlt sich bedrängt durch den in der Kurvenlage eingeschränkten
Blickwinkel und der bereits etwas hügeligen topografischen Lage, die die Straße auf beiden
Seiten steigend um die Ecke verschwinden lässt. Die kleine Bierstube nebenan, der beschauliche
"Tante-Emma-Laden" mit der Aufschrift "Lebensmittel" und ein Sparkassenhäuschen erinnern mehr
an eine typische ländliche Gegend als an ein geistliches Mekka.
Im vollen Kontrast dazu steht der weit angelegte Innenhof des Klosters, den man durch eine
große Pforte aus massivem Holz betritt. Die zentrale Klosterkirche, der "Löwenbrunnen" und die
ringsum stehenden Klostergebäude erinnern an ein kleines mittelalterliches Dorfzentrum, das
zudem völlig unabhängig von der Außenwelt besteht.
Ein beklemmendes Gefühl
Ich hatte noch nie zuvor ein Kloster besichtigt bzw. besucht und erforscht. Die Idee, die
mittelalterliche "gottgewollte" Ordnung verstehen zu lernen und durch einen Besuch praxisnahe
Erlebnisse zu sammeln, begeisterte mich von Anfang an. (...) Als ich das Klostergelände zum
ersten Mal betrat, überkam mich interessanter Weise ein beklemmendes Gefühl. Das Kloster
versprühte eine bedrückende Atmosphäre. Ich war ganz überrascht, hatte ich mich doch so auf
den Aufenthalt gefreut.
Doch dieses Gefühl des Unbehagens verflog schnell wieder. Ich wurde in eine Art Bann gezogen.
Das mag für einen Außenstehenden pathetisch klingen, jedoch verspührte ich eine tiefe
Zufriedenheit und Geborgenheit. Das Kloster hatte seinen bedrückenden Charme verloren und
machte nun einen friedvollen und tief religiösen Eindruck. Ich fühlte mich sicher geborgen.
Begrüßung
Nach einer Begrüßung durch eine ältere Nonne, die berichtete, dass sie bereits seit 61 Jahren
im Kloster lebte, was uns sehr beeindruckte, hielten einige Schüler Vorträge über Themen wie
die Inquisition oder verschieden Orden. Auf diese Weise mit Hintergrundwissen versorgt
besuchten wir um fünf Uhr Nachmittag die Vesper, das vorletzte Gebet des Tages.
Vesper
Die Nonnen saßen sich gegenüber und sangen kirchliche Lieder vollkommen im Gleichklang. Es
stellte sich für mich eine Atmosphäre ein, die teilweise sehr kalt und stellenweise auch
etwas beängstigend wirkte, Dennoch faszinierte dieser Gottesdienst auf seiner Weise und
vermittelte ein Gefühl der Verbundenheit. Auch wenn ich mich nicht mit dem Christentum
identifizieren kann, setzte sich hier eine Art Hochachtung vor diesen Personen fest.
Nachdem der Gottesdienst vorüber war, kehrten wir in das Arbeitszimmer zurück und sammelten
unsere Eindrücke.
Als sei die Zeit stehen geblieben
Während des Gottesdienstes fiel uns auf, dass das Leben im Kloster von ganz offensichtlichen
Regeln bestimmt sein muss. Es ließ sich eine Hierarchie auf Grund unterschiedlicher Kleidung
erkennen, wozu wir später noch einiges erfahren sollten. Ebenfalls auffällig war der fast
schon beängstigende Synchronismus, mit dem die Nonnen die Psalmen sangen, Pausen einhielten
und bestimmte Gesten vollführten. Es war, als wären sie Eins miteinander und natürlich auch
mit ihrem Gott. Für uns ist dort in diesem Moment ein Stück Geschichte wieder zugänglich,
sogar mehr oder weniger lebendig geworden. Das Kloster St. Marienstern existiert seit gut
750/760 Jahren, doch der Gottesdienst, den wir erleben konnten, ist vor dieser langen Zeit
wohl fast genauso wie heute abgelaufen und es hatte somit eine Wirkung, als sei die Zeit
stehen geblieben.
Das Gespräch mit der jungen Nonne
Wir befinden uns in einem großen Raum. Ein warmer Kachelofen mit braunen Kacheln strahlt eine
einladende Heimeligkeit aus. Wir warten gespannt. Auf eine junge Nonne, die mit 15 Jahren ihre
Berufung verspührte (...).
Die junge Frau setzt sich selbstsicher. Sie schaut sich kurz um. Und beginnt zu erzählen.
Ganz schlicht. Sie nimmt uns die Verlegenheit, wischt nacheinander Vorurteile aus unseren
Köpfen, gewährt uns Einblick in das Leben einer, die auf der Suche nach der Wahrheit niemals
innehält. (...) Was aufrüttelt und einen vielleicht befremdet dreinblicken lässt, ist die
unglaubliche Selbsteinsicht dieser Frau. Man hat das Gefühl vor einem Menschen zu sitzen, der
sich gut kennt, seine Stärken, vor allem aber seine Schwächen genau einschätzen kann. Was
fasziniert, ist ihre Einstellung, ihr Ja-Sagen zum Leben und gleichzeitig diese leichte
Verschlossenheit, dieses Wissen um einen Schatz tief im Herzen, den nur sie als Kraftquell
zu erkennen vermag. Was sie uns vermittelt, ist die Fehlbarkeit jedes Menschen.
Der Gruppenzusammenhalt
Ganz besonders gut hat mir auch gefallen, dass wir in richtigen kleinen Klosterzimmern
geschlafen haben, ohne jeglichen "Schnickschnack". Man kam auch sehr gut zur Ruhe und konnte
sich auch mal auf sich konzentrieren. (...) Ich nehme für mich eine ganze Menge mit. Die
Disziplin, mit der die Nonnen jeden Tag angehen, kann man sich zum Vorbild nehmen. Beeindruckt
hat mich die bemerkenswerte inner Ruhe der Nonnen, die sie auch nach außen ausstrahlen.
Etwas anderes war aber für mich auch sehr wichtig, nämlich der Gruppenzusammenhalt, der meiner
Meinung nach während der Fahrt entstanden ist. Wenn ich ehrlich bin, bin ich mit nicht allzu
großen Erwartungen auf diese Fahrt gegangen. Ich bin allerdings glücklicherweise eines Besseren
belehrt worden. Abschließend ist zu sagen, dass ich froh bin, an dieser Reise teilgenommen
zu haben. Ich habe viele Eindrücke mitgenommen und würde jederzeit wieder bei einer solchen
Veranstaltung mitmachen.