Eine Nacht im Kloster

Geschichtsexkursion nach St. Marienstern am 10. und 11.12.2007

1/3

Warum eine Studienreise ins Kloster?
Geschichtsdidaktische Zeitschriften liefern Geschichtslehrern Argumentationshilfen, um die Fachkonferenzen von der Wichtigkeit des Unterrichtsthemas "Kloster" zu überzeugen. Unabhängig davon äußerten unsere 18-jährigen Schüler - in diesem wie im letzten Schuljahr - von sich aus ein starkes Interesse, ein Kloster zu besichtigen und womöglich eine oder mehrere Nächte dort zu verbringen. Verbergen sich hinter dieser Neugierde geheimnisvoll-gruselige Vorstellungen (man denke an Filme wie "Der Name der Rose")? Oder steht dahinter eher der Wunsch, diese in unserer säkularisierten Gesellschaft unbekannte Lebensdimension zu erforschen? Das bleibe dahin gestellt.
Bedenkt man die universalgeschichtliche Bedeutung des Klosterlebens, so findet man schon darin Grund genug, sich diesem Thema zu widmen. Mönche und Nonnen haben Fundamente für wichtige Aspekte der modernen Welt gelegt: Elemente des Sozialstaates (Charitas als Grundsicherung), betriebswirtschaftliche und bürokratische Optimierungsregeln, das moderne Arbeitsethos (asketische Rationalität). Außerdem wurde das Wissen griechischer und römischer Schriftsteller und Philosophen in Klöstern aufbewahrt und weiter gegeben. Darüber hinaus sind historische Fakten wie Kloster- und Stadtgründungen im Mittelalter, Urbarmachung neuer Gebiete, Kreuzzüge, Inquisition, Ketzerverfolgung und Gegenreformation eng mit der Geschichte von Glaubensorden verknüpft.
Andererseits widerspricht die Lebensform der Ordensleute unseren heutigen Vorstellungen von gesellschaftlichem Fortschritt, demokratischer Partizipation und freier Entfaltung der Persönlichkeit; dies eröffnet Jugendlichen Möglichkeiten für eine kontroverse Auseinandersetzung mit dem Thema.

Die Fahrt
Es ist Montagmorgen am 10.12.2007 und rund 30 Schüler versammeln sich vor dem Albert-Einstein-Gymnasium, alle mit demselben Ziel: Kloster St. Marienstern. Alle sind noch leicht verschlafen und der Tatendrang stellt sich erst so langsam ein. Nach zwei ein halb Stunden Fahrt erreichen wir Bautzen, eine mittelalterliche Stadt, dort beginnt auch sogleich die erste Unterrichtseinheit. In einem Rundgang erfahren wir über den sorbischen Hintergrund der Stadt und lernen die historische Altstadt kennen. Der St. Petri Dom beeindruckt dabei besonders, er ist die einzige Simultankirche in den neuen Bundesländern. Bei dem Spaziergang erhält man viele kleine Eindrücke, die einem das Mittelalter näher bringen.
Am Ende hatten Schüler und Lehrer nicht nur die großen Sehenswürdigkeiten der Stadt kennen gelernt, wir waren im Theater, wir waren essen im Restaurant, und schließlich hatten wir alle neue Freunde gefunden und beim Abschied am 15. Mai floss die ein oder andere Träne.

Ankommen
Eher unauffällig liegt das Kloster St. Marienstern unmittelbar an einer wenig befahrenen Landstraße, die in einer einzigen weiten Kurve das kleine Örtchen Pannschwitz-Kuckau in der Oberlausitz durch quert. Man fühlt sich bedrängt durch den in der Kurvenlage eingeschränkten Blickwinkel und der bereits etwas hügeligen topografischen Lage, die die Straße auf beiden Seiten steigend um die Ecke verschwinden lässt. Die kleine Bierstube nebenan, der beschauliche "Tante-Emma-Laden" mit der Aufschrift "Lebensmittel" und ein Sparkassenhäuschen erinnern mehr an eine typische ländliche Gegend als an ein geistliches Mekka.
Im vollen Kontrast dazu steht der weit angelegte Innenhof des Klosters, den man durch eine große Pforte aus massivem Holz betritt. Die zentrale Klosterkirche, der "Löwenbrunnen" und die ringsum stehenden Klostergebäude erinnern an ein kleines mittelalterliches Dorfzentrum, das zudem völlig unabhängig von der Außenwelt besteht.

Ein beklemmendes Gefühl
Ich hatte noch nie zuvor ein Kloster besichtigt bzw. besucht und erforscht. Die Idee, die mittelalterliche "gottgewollte" Ordnung verstehen zu lernen und durch einen Besuch praxisnahe Erlebnisse zu sammeln, begeisterte mich von Anfang an. (...) Als ich das Klostergelände zum ersten Mal betrat, überkam mich interessanter Weise ein beklemmendes Gefühl. Das Kloster versprühte eine bedrückende Atmosphäre. Ich war ganz überrascht, hatte ich mich doch so auf den Aufenthalt gefreut.
Doch dieses Gefühl des Unbehagens verflog schnell wieder. Ich wurde in eine Art Bann gezogen. Das mag für einen Außenstehenden pathetisch klingen, jedoch verspührte ich eine tiefe Zufriedenheit und Geborgenheit. Das Kloster hatte seinen bedrückenden Charme verloren und machte nun einen friedvollen und tief religiösen Eindruck. Ich fühlte mich sicher geborgen.

Begrüßung
Nach einer Begrüßung durch eine ältere Nonne, die berichtete, dass sie bereits seit 61 Jahren im Kloster lebte, was uns sehr beeindruckte, hielten einige Schüler Vorträge über Themen wie die Inquisition oder verschieden Orden. Auf diese Weise mit Hintergrundwissen versorgt besuchten wir um fünf Uhr Nachmittag die Vesper, das vorletzte Gebet des Tages.

Vesper
Die Nonnen saßen sich gegenüber und sangen kirchliche Lieder vollkommen im Gleichklang. Es stellte sich für mich eine Atmosphäre ein, die teilweise sehr kalt und stellenweise auch etwas beängstigend wirkte, Dennoch faszinierte dieser Gottesdienst auf seiner Weise und vermittelte ein Gefühl der Verbundenheit. Auch wenn ich mich nicht mit dem Christentum identifizieren kann, setzte sich hier eine Art Hochachtung vor diesen Personen fest. Nachdem der Gottesdienst vorüber war, kehrten wir in das Arbeitszimmer zurück und sammelten unsere Eindrücke.

Als sei die Zeit stehen geblieben
Während des Gottesdienstes fiel uns auf, dass das Leben im Kloster von ganz offensichtlichen Regeln bestimmt sein muss. Es ließ sich eine Hierarchie auf Grund unterschiedlicher Kleidung erkennen, wozu wir später noch einiges erfahren sollten. Ebenfalls auffällig war der fast schon beängstigende Synchronismus, mit dem die Nonnen die Psalmen sangen, Pausen einhielten und bestimmte Gesten vollführten. Es war, als wären sie Eins miteinander und natürlich auch mit ihrem Gott. Für uns ist dort in diesem Moment ein Stück Geschichte wieder zugänglich, sogar mehr oder weniger lebendig geworden. Das Kloster St. Marienstern existiert seit gut 750/760 Jahren, doch der Gottesdienst, den wir erleben konnten, ist vor dieser langen Zeit wohl fast genauso wie heute abgelaufen und es hatte somit eine Wirkung, als sei die Zeit stehen geblieben.

Das Gespräch mit der jungen Nonne
Wir befinden uns in einem großen Raum. Ein warmer Kachelofen mit braunen Kacheln strahlt eine einladende Heimeligkeit aus. Wir warten gespannt. Auf eine junge Nonne, die mit 15 Jahren ihre Berufung verspührte (...).
Die junge Frau setzt sich selbstsicher. Sie schaut sich kurz um. Und beginnt zu erzählen. Ganz schlicht. Sie nimmt uns die Verlegenheit, wischt nacheinander Vorurteile aus unseren Köpfen, gewährt uns Einblick in das Leben einer, die auf der Suche nach der Wahrheit niemals innehält. (...) Was aufrüttelt und einen vielleicht befremdet dreinblicken lässt, ist die unglaubliche Selbsteinsicht dieser Frau. Man hat das Gefühl vor einem Menschen zu sitzen, der sich gut kennt, seine Stärken, vor allem aber seine Schwächen genau einschätzen kann. Was fasziniert, ist ihre Einstellung, ihr Ja-Sagen zum Leben und gleichzeitig diese leichte Verschlossenheit, dieses Wissen um einen Schatz tief im Herzen, den nur sie als Kraftquell zu erkennen vermag. Was sie uns vermittelt, ist die Fehlbarkeit jedes Menschen.

Der Gruppenzusammenhalt
Ganz besonders gut hat mir auch gefallen, dass wir in richtigen kleinen Klosterzimmern geschlafen haben, ohne jeglichen "Schnickschnack". Man kam auch sehr gut zur Ruhe und konnte sich auch mal auf sich konzentrieren. (...) Ich nehme für mich eine ganze Menge mit. Die Disziplin, mit der die Nonnen jeden Tag angehen, kann man sich zum Vorbild nehmen. Beeindruckt hat mich die bemerkenswerte inner Ruhe der Nonnen, die sie auch nach außen ausstrahlen. Etwas anderes war aber für mich auch sehr wichtig, nämlich der Gruppenzusammenhalt, der meiner Meinung nach während der Fahrt entstanden ist. Wenn ich ehrlich bin, bin ich mit nicht allzu großen Erwartungen auf diese Fahrt gegangen. Ich bin allerdings glücklicherweise eines Besseren belehrt worden. Abschließend ist zu sagen, dass ich froh bin, an dieser Reise teilgenommen zu haben. Ich habe viele Eindrücke mitgenommen und würde jederzeit wieder bei einer solchen Veranstaltung mitmachen.

zurück