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Feldforschung in der Romagna, Kulturentdeckungen in Berlin
Im Rahmen des Schüleraustausches unserer Klasse 11E und dem Liceo Classico G.B. Morgagni aus Forlì kamen die Schüler aus Italien vom 6. bis 13. September 2008 zu ihrem Gegenbesuch hier nach Berlin. Unser Besuch in der Romagna (vom 22. bis 29. September 2007) lag schon ein Jahr zurück. Wie viele Besuche in der Zwischenzeit von Berlin nach Forlì und umgekehrt mit oder ohne Familie, aus Freundschaft oder aus Verliebtheit unternommen worden waren, vermag ich nicht zu sagen; die Geschichten, die ich vernahm, waren kleine Gesprächsfragmente im Flur, lächelnd oder begeistert, im Vorbeigehen hingestreut.
Wenn wir nun die sehr positiven Aspekte der menschlichen Begegnungen - in einem Alter , in dem
die Peer-Group so viel bedeutet - auf sich beruhen lassen, können wir doch versuchen, einige
Etappen der Lernerfahrungen zu rekonstruieren, die mit diesem Austausch verknüpft gewesen sind.
Die günstige Lage von Forlì am südlichen Rand der Po-Ebene hatte unseren Schülern beim Besuch in
der Romagna vielfältige Bewegungs- und Begegnungsmöglichkeiten geboten. Von der Biofarm auf den
apenninischen Hügeln Richtung Toskana bis zum Strand von Rimini konnten sie Landschaft, Menschen
und auch Tiere kennen lernen. Außerdem konnten sie mit der Bimmelbahn von Faenza die Apenninen
nach Süden überqueren und die Renaissance-Sääle der Uffizien in Florenz besuchen. Ravenna
(nord-östlich von Forlì gelegen) war noch schneller erreichbar, und die Schüler konnten dort die
berühmten byzantinischen Mosaiken bewundern.
Die alltägliche Beschäftigung unserer Reisenden lag jedoch nicht nur in vielerlei
Ortsbesichtigungen, sondern vollzog sich auch in einer vereinfachten Form von Feldforschung mit
ihrem bewährten Instrumentarium: interkulturelle Beobachtungen mit gemeinsamen Reflexions- und
Diskussionsphasen, Interviews mit selbst erarbeitetem Kriterienkatalog und deren Auswertung.
Am Ende der Woche kamen alle Schüler in einer Schreibwerkstatt zusammen, in der man über diese
Erkundungen beratschlagte und diskutierte und schließlich die Ergebnisse schriftlich
zusammenfasste - auf italienisch natürlich. Kulturelles und sprachliches Lernen wurden so
miteinander verknüpft.
Hier ein paar Aspekte des Alltagslebens in Italien, die von den Schülern registriert und
hinterfragt wurden: Freizeitaktivitäten ihrer Gleichaltrigen, die Bar mit ihren Besuchern
und deren Verhaltensweisen, Straßenverkehr und Regelbeachtung, Beziehungen zwischen Jugendlichen
und Erwachsenen, Wertevorstellungen bei Frauen und Männern, Rollen- und Machtverteilung in der
Familie und zum Schluss Umgangs- und Unterrichtsformen in der italienischen Schule.
Beispiel A (um einen kurzen Blick in einen Fragenkatalog zu werfen):
Wir (die Gruppe "tempo libero") haben 12 junge Menschen - von 19 bis 26 Jahren - in Forlì, Ravenna und Florenz interviewt, um zu erfahren, wie sie ihre Freizeit genutzt haben, ob sie genug Freizeit hatten, ob sie von den Eltern gezwungen wurden, um eine bestimmte Zeit nach Hause zu kommen, und schließlich, wie sie beabsichtigen, die Freizeitregelung für ihre Kinder in Zukunft hand zu haben.
Beispiel B: Es geht hier um eine selbsterstellte Tabelle der Gruppe "Ruoli", die zur Auswertung der geführten Interviews diente. Das Thema war: die wichtigsten Werte im Leben.
| A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | |
| MODE | 6 | 7 | 4 | 6 | 5 | 7 | 7 | 6 | 7 | 5 |
| lIEBE | 2 | 3 | 1 | 7 | 1 | 3 | 2 | 2 | 1 | 2 |
| SEX | 3 | 4 | 3 | 1 | 4 | 6 | 4 | 3 | 5 | 3 |
| FAMILIE | 1 | 1 | 2 | 5 | 2 | 1 | 1 | 1 | 2 | 1 |
| ARBEIT | 4 | 2 | 5 | 2 | 3 | 2 | 3 | 4 | 3 | 4 |
| GELD | 4 | 2 | 5 | 2 | 3 | 2 | 3 | 4 | 3 | 4 |
| SPORT | 7 | 6 | 6 | 4 | 7 | 4 | 5 | 5 | 6 | 6 |
Interviewte Personen:
Die Zahlen reflektieren die Wichtigkeit, die die Interviewten den verschiedenen Wertbereichen zuerkannten (1 am wichtigsten).
Die Teilnehmer der Gruppen gaben am achten Tag an, durch die "Feldforschungsarbeit" einander besser kennen gelernt zu haben.
Die Woche in Berlin sah, außer dem klassisch gewordenen "Sonntag in der Familie", ein dichtes
Programm mit Besichtigungen von Kulturstätten und interkulturellen Beobachtungen zum Thema
"Schulleben" am Albert-Einstein-Gymnasium vor.
Mit Führungen in italienischer Sprache besichtigten die Schüler das Jüdische Museum in Berlin
und Schloss Sanssouci samt Park in Potsdam. Außerdem wurden sie zur Gedenkstätte Berliner
Mauer in der Bernauer Straße begleitet und absolvierten ein fünfstündiges interaktives
geschichtliches Seminar im Haus der Wannseekonferenz.
Am letzten Abend füllten sie Feed-back-Bögen aus. Von einem Minimum von 0 Punkten bis zu einem möglichen Maximum von 44 Punkten wurden die verschiedenen Erlebnisse und Erfahrungen der Woche in Berlin wie folgt beurteilt:
| Kultureller Input im Allgemeinen | 31 |
| Verhältnis zu den Gleichaltrigen | 40 |
| Verhältnis zu den Lehrern | 33 |
| Empfang in den Familien | 39 |
| AEO und ihre "Atmosphäre" | 37 |
| Jüdisches Museum | 34 |
| Schloss Sanssouci | 32 |
| Museum Berliner Mauer | 35 |
| Seminar "Wannseekonferenz" | 33 |
Da die Beobachtungen des Unterrichts am AEO auf deutsch zusammengefasst wurden, möchte ich gerne mit der Wiedergabe der Eindrucke der Schüler abschließen:
Gruppe 1:
Die deutschen Schüler müssen sich am Unterricht mehr mit mündlichen Beiträgen beteiligen
und aktiv teilnehmen. Trotzdem entsteht der Eindruck, dass die Schüler allgemein ruhiger sind und
der Lärmpegel in den Klassen geringer ist im Vergleich mit der Lautstärke, die in italienischen
Klassen herrscht.
Gruppe 2:
Die italienischen Schüler haben einige Unterschiede zwischen ihren und unseren Lernmethoden
festgestellt. Das häufige Wechseln der Klassenräume kommt in ihrer Schule nicht vor, genau wie die
Pausen im allgemein bei uns länger sind.
Das offene und vertrauensvollere Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern überraschte sie
positiv, genau wie die Art, wie die Lehrer uns Schüler im Unterricht integrieren und einbeziehen.
Gruppe 3:
In dieser Schule ist die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern anders, sie ist vertraulicher.
Es hat mich überrascht, dass es nur einen Hausmeister gibt. In Deutschland lernen die Schüler
fundierter Sprachen. Ich möchte, dass sich die Schulen ähnlicher sind.