Die
Vertreter der Schule nehmen erfreut zur Kenntnis, dass von 34 beurteilten
Merkmalen 26 (= 76%) mit den Kategorien A und B, dagegen nur 2 ( = 6 %) mit der
Kategorie D eingeschätzt werden.
Der
zeitliche Einsatz für die Inspektion sei ebenso wie die sehr überwiegend in
kooperativer und angenehmer Atmosphäre durchgeführte Arbeit und die
sorgfältige Darstellung der Ergebnisse durch das Inspektionsteam dankend
anerkannt.
Dennoch
vermerkt das Protokoll der Schulkonferenz zu der Vorstellung des
Kurzberichtes „deutliche Kritik an der
Bewertung“ in einzelnen Fragen, so dass insgesamt „ein falscher Eindruck“
entstehe. Diese Vorbehalte sollen im Folgenden näher erläutert werden.
1.1 Fragen
der Repräsentativität
Da 73 von 84 Kolleg/innen beobachtet wurden, kann
hier sicherlich von hoher Repräsentativität gesprochen werden, was für 83
Unterrichtsbesuche von 1650 stattfindenden Wochenstunden eher fraglich ist.
Insbesondere aber die Durchführung der Inspektion am Dienstag und Donnerstag,
die zur Folge hatte, dass keine
einzige Stunde der Leistungskurse
beobachtet werden konnte (in der Kursphase immerhin ca. ein – für die Schüler
wie für die Kollegen besonders wichtiges - Drittel des Unterrichts), lässt für
den Oberstufenunterricht keine repräsentativen Ergebnisse erwarten (bes.
hinsichtlich Gruppengröße; selbständigem Arbeiten, Methodenvielfalt etc.).
Der Zeitpunkt der Inspektion direkt nach dem
Halbjahreswechsel (und nach den Winterferien) lässt außerdem nicht unbedingt
erwarten, dass die Ergebnisse im Hinblick auf zahlreiche methodische Parameter
für die Unterrichtssituation insgesamt repräsentativ sind.
Auch die geringe
Zahl und der Auswahlmodus der
Eltern- und Schülervertreter lässt nur bedingt erwarten, dass Zufallsergebnisse
ausgeschlossen sind.
1.2 Keine
Fachinspektion
Im „Konzept zur Schulinspektion“ wird festgestellt,
dass z. Z. keine Fachinspektionen durchgeführt werden. Dennoch werden im
Inspektionsbericht „fachliche Mängel“
bei 3 Unterrichtsbesuchen festgestellt (S. 11). Angesichts der geringen Zahl
könnte man das auf sich beruhen lassen; die Anonymität bleibt aber misslich, da
weder die betroffenen Kollegen noch der Schulleiter eine Möglichkeit zur Stellungnahme
haben.
1.3 Ein-Weg-Kommunikation
Die Schulinspektion wird als Novum in die Berliner
Schullandschaft zu einer Zeit eingeführt, in der eine Fülle anderer Reformen
durchgesetzt werden, die nicht immer glücklich aufeinander abgestimmt sind und
deren Wirksam- und/oder Notwendigkeit zudem von vielen Betroffenen als fraglich
angesehen wird. Außerdem ist die Arbeitsbelastung der Kolleg/innen in den
letzten Jahren erheblich gestiegen.
In dieser Situation könnte es die Akzeptanz der
Schulinspektion deutlich verbessern, wenn sie auch eine Kommunikation in der anderen Richtung, also von der
einzelnen Schule zum Schulsenat als Behörde vorsähe, so dass Lob ebenso wie
Bitten, Sorgen, aber auch Kritik mitgeteilt werden könnten. Die gegenwärtige
Konzeption verstärkt den Eindruck, dass die Lasten der vorgesehenen
Veränderungen einseitig den Schulen aufgebürdet werden, ohne dass ein Weg
vorgesehen ist, auf dem sie die notwendige sachliche Unterstützung einfordern
können.
2 Einzelne
Bewertungen
2.1 Unterrichtsprofil – 2.4 Innere Differenzierung – Bewertung D
Im Kommentar (S. 13) wird festgestellt, dass ein
deutlicher Zusammenhang zwischen der Gruppengröße und der Möglichkeit zu
individuellen Rückmeldungen (als individuelle Unterstützung im Lernprozess)
besteht. Damit sind objektive Grenzen individueller Förderung benannt, die dann
aber mit der Formulierung „Die Lehrkräfte registrierten ... kaum Lernprobleme
Einzelner“ ausschließlich jenen angelastet werden.
Darüber hinaus bleibt festzuhalten, dass die Schüler
der Gymnasien auf ein Ziel hin arbeiten, das eben nicht differenziert
angeboten wird. Fast alle Schüler bestehen die Abiturprüfung. Auf dem Wege
dahin kann deshalb innere Differenzierung nicht dieselbe Bedeutung haben wie
auf anderen Schulformen, die unterschiedliche Abschlüsse anbieten, sondern in
erster Linie eine temporär unterstützende. Es ist deshalb unangemessen, dieses
Konzept ebenso regelmäßig realisiert sehen zu wollen wie z.B. „Intensive
Nutzung der Lehr- und Lernzeit“, „Faire und gerechte Behandlung der
Schülerinnen“ und viele andere.
An diesem Beispiel lassen sich exemplarisch zwei
fundamentale Probleme des vorliegenden Konzeptes der Inspektion verdeutlichen:
Der Beschreibung des Problems (hier zugespitzt: Je größer die Gruppe, desto schwieriger individuelle Förderung) kann man zustimmen; die daraus abgeleitete Bewertung lässt es in erster Linie als Mangel der Lehrkräfte statt als Mangel der personellen Ausstattung der Schulen (bzw. der dadurch verursachten Gruppengrößen) erscheinen.
Die Frage zu beantworten, in welchem Umfang in welchem Fach in welcher Klassenstufe in welcher konkreten Klasse für welche Schüler welche differenzierende Maßnahmen angebracht und realisierbar sind, ist für Lehrkräfte, die bis zu 200 Schüler unterrichten, eine pädagogische Herausforderung, der sie mit Sicherheit nicht immer gerecht werden können. Auf keinen Fall aber kann man die damit verbundene Bewertungsfrage mit der Forderung lösen, gut sei nur die Omnipräsenz dieses Konzeptes. In vielen methodischen Einzelfragen (s. u. Computernutzung) kann „weniger“ „mehr“ bedeuten!
2.2 Unterrichtsprofil – selbständiges Lernen.
Bewertung C
Hier gelten ähnliche Einschränkungen wie zu 2.1; auch hier wird von den Inspektoren selbst auf den Zusammenhang mit der Gruppengröße verwiesen (S. 13). An anderer Stelle des Berichtes (S. 19) werden „Referate oder selbständig durchgeführte Experimente“ positiv erwähnt. Die Erfahrungen vieler Kollegen mit Formen selbständigen Lernens (wie z.B. dem SOL-Konzept) laufen darauf hinaus, dass sie gut geeignet sind; Überblickswissen zu organisieren, nicht aber, z. B. differenzierte und komplexe Analysen zu garantieren. Auch hier ist also die Vorstellung einer flächendeckenden Anwendung (80%-Kriterium) dieses Konzeptes unangemessen und sachfremd.
Ein drittes Grundsatzproblem kann an diesem Beispiel
verdeutlicht werden:
Viele Fragen zu den
Kriterien „guten Unterrichts“ sollten nicht beantwortet werden, ohne zwischen
den verschiedenen Entwicklungsstufen zu unterscheiden. Das Konzept der
Inspektion lässt in dieser Frage so gut wie keine Differenzierung erkennen.
2.3 Qualitätsprofil 1.3: Methodenkompetenzen –
Beurteilung C
Die Bewertung dieses Qualitätsbereichs und ihre
Begründung hat (neben der des Bereichs „Arbeits- und Kommunikationskultur im
Kollegium“) den heftigsten Widerspruch bei der Vorstellung in der
Schulkonferenz ausgelöst (verstärkt noch durch die unglücklich gewählte
Überschrift „Professionalität“ der Kurzpräsentation).
Kritisch gegenüber der Bewertung verwiesen wurde u.
a. auf die von den Schülern in allen zentralen und dezentralen Prüfungen
erreichten guten Leistungen und die im folgenden Text von den Inspektoren
selbst beobachtete „gute[n] Methodenkompetenz“ der Schüler. Dass eine
„durchgängige curriculare Verankerung“ noch nicht erfolgt sei (S. 19), trifft
zu, ist aber dadurch bedingt, dass die Erarbeitung sinnvoller Curricula ein
Prozess ist, der noch Jahre dauern wird (dies auch zum Qualitätsbereich 2:
„Schulinternes Curriculum“), wenn er für die Unterrichtspraxis adäquate und wirksame Leitlinien liefern
können soll. Dass auch „Angebote zum Methodenlernen“ nicht flächendeckend
eingesetzt werden sollen, ist weit gehend Konsens im Kollegium und beruht im
Wesentlichen auf einer gewissen Skepsis gegenüber der verbreiteten
Überbetonung dieses Ansatzes (eine Skepsis, die durch die Ergebnisse der
Abitur- und sonstigen Prüfungen nicht widerlegt scheint).
Ähnliche Vorbehalte gelten für den Einsatz neuer
Unterrichtstechnologien. Auch hier scheint eine quantitative Bewertung der
Computernutzung, die unabhängig von Fach, Klassenstufe und Lernzusammenhang
gesehen wird, unangemessen. Darüber hinaus wird in der Fachdiskussion klar
erkennbar, dass sich eine stärker illusionslose Sicht auf die positiven
Möglichkeiten, aber auch die möglichen Gefahren, die mit einer Überbetonung des
IT-Konzeptes verbunden sind, durchsetzt.
Damit wird ein viertes Grundsatzproblem erkennbar:
Nachhaltige und wirksame Entwicklung von Schule kann nur gelingen, wenn neue Ansätze sorgfältig geprüft, nicht aber vom „grünen Tisch“ verordnet werden. Die in Jahrzehnten verantwortungsvoller Professionalität gewachsene Erfahrung sollte nicht durch die Forderung nach Realisierung (oft) übereilt propagierter Neuerungen brüskiert werden. Die Professionalität der Kollegen als „eher schwach ausgeprägt“ zu bezeichnen, weil sie (polemisch zugespitzt) den Computer nicht regelmäßig im Unterricht benutzen, zeigt eher, dass das Messinstrument weniger professionell ist als die Kollegen.
Dass eine zielgerichtete Personalentwicklung nicht
stattfinde, trifft nicht zu, allerdings in der Tat weniger in der Form
„regelmäßiger Mitarbeiter-Vorgesetzten-Gespräche“ als vielmehr in der Form
persönlicher Gespräche, die die Verantwortung für die professionelle
Weiterentwicklung im Wesentlichen bei dem einzelnen Mitarbeiter belassen. In
seltenen Einzelfällen erfolgen aber auch in dieser Form deutliche Hinweise. Ob
diese Form der Personalentwicklung weniger effektiv als die nun neu geforderte
ist, kann offen bleiben.
2.5 Qualitätsbereich 5.2: Arbeits- und
Kommunikationskultur im Kollegium - Bewertung C
Die im Kommentar erkennbaren Einschränkungen („keine
im Stundenplan festgelegten Zeiträume für ... Vorbereitung im Team“ und sehr
selten stattfindende „gegenseitige Hospitationen“) sind natürlich zutreffend
beschrieben, entlocken allen Betroffenen aber nur ein müdes Lächeln. Wann,
bitte, soll das passieren? Wenn für viele Kollegen die Bewältigung des
Schulalltags auf dem von ihnen selbst geforderten Niveau zu einer
Überlebensfrage wird (die immer mehr zur Stundenreduzierung zwingt, weil sie
anders ihrer Aufgabe nicht mehr gerecht zu werden glauben), dann erscheint
diese lakonische Defizit-Beschreibung nur noch als Zynismus. Im übrigen steht
sie in einem recht deutlichen Widerspruch zu den „Ergebnissen des Fragebogens“
(bes. Items 1, 2, 4, 5 und 15).
2.6 Qualitätsbereich
6.3: Dokumentation und Umsetzungsplanung – Bewertung D
Es wird weniger aufgeschrieben als getan – so sollte
es auch bleiben!
Man könnte es bei dieser lakonischen Antwort
belassen, beträfen nicht „Planen“ und „Dokumentieren“ zwei zentrale Aspekte der
gegenwärtigen Schulreform.
In den vergangenen Jahren
sind neue Vorschriften „kiloweise“ erlassen worden, deren Fülle in merkwürdigem
Gegensatz zur immer wieder verkündeten größeren Selbständigkeit der Schulen
steht und sie gelegentlich an den Rand der Unorganisierbarkeit bringt, zumal
ihre Ressourcen nicht verbessert, sondern im Gegenteil eher reduziert wurden.
Das natürliche Spannungsverhältnis zwischen einer Schulverwaltung, die – erfreulicherweise
- die Dinge vorantreiben will, und den einzelnen Schulen, die mit der
Gestaltung des Alltags und ihrer je besonderen Vorhaben beschäftigt sind, ist
in den letzten Jahren sehr einseitig zuungunsten der Schulen verschärft worden:
einerseits durch eine erheblich erhöhte Arbeitsbelastung, andererseits durch
eine Fülle von nicht immer ganz durchdachten, oft erst im letzten Moment
verkündeten Neuheiten.
Angesichts begrenzter personeller
und zeitlicher Ressourcen hält sich deshalb eine aktive Schule wie die AEO für
berechtigt, nach wie vor im Zweifelsfall lieber zu tun als Vereinbarungen
aufzuschreiben. Diese Vereinbarungen entstehen in der dieser Schule eigenen,
bewährten Kommunikationsstruktur, gekennzeichnet durch flache Hierarchie,
werden ständig weiterentwickelt und den notwendigen Veränderungen angepasst.
Hier liegt der Grund für
den, auch von der Inspektion festgestellten, Erfolg der Schule. Jedoch verfügt
die Inspektion offensichtlich über kein Instrument, diese Form interaktiv
steuernder Leitung zu messen.
3. Fazit
In der Diskussion über die Kurzpräsentation wurden
die Vertreter der Schule gefragt: „Sind Sie denn der Meinung, bei Ihnen sei gar
nichts zu verbessern?“ - Natürlich sind wir nicht dieser Meinung!
Dass aber im Gespräch bei der Vorstellung des
Inspektionsberichtes dieser Eindruck entstehen konnte, hat sicher nicht nur mit
dem gewachsenen Selbstbewusstsein der Kollegen, dem eigenen Gefühl, an einer
guten Schule zu arbeiten, bestätigt durch Schüler, Eltern, Schulaufsicht,
Schulträger und Senator, zu tun. Die Schule hat seit jeher eigene Konzepte
entwickelt und greift Anregungen von außerhalb auf, wo immer sie zu finden sind
und zum eigenen Selbstverständnis passen. So wurde ein „Schulprogramm“ zum
musischen Schwerpunkt entwickelt, lange bevor es Schulen zur Pflicht gemacht
wurde, zeitgemäße Informationstechnologie wurde frühzeitig gefördert und
eingesetzt, seit langem verlassen etwa 50% der Schüler die Schule mit drei
modernen Fremdsprachen.
Jeder halbwegs selbstkritische Pädagoge ist sich
bewusst, dass jede Unterrichtsstunde „besser“ sein könnte, dass in jeder
Gruppe Schüler sind, denen man sich persönlicher widmen müsste, dass man sich
natürlich mit den Fachkollegen vertikal und den in der Klasse unterrichtenden
Kollegen horizontal öfter und intensiver austauschen sollte (um nur drei
wichtige Aspekte zu nennen). Professionalität zeigt sich darin, dieses
unvermeidliche Gefühl des Ungenügens einerseits nicht zu verdrängen, sondern
immer wieder an Verbesserungen zu arbeiten, sich andererseits davon aber auch
nicht „unterkriegen“ zu lassen, sondern eben „professionell“ mit der
Unvollkommenheit umzugehen. Schulinspektion kann nur dann als hilfreich
angenommen werden, wenn sie der Schule und den Kollegen nicht durch
einen unerfüllbaren Totalitätsanspruch ein Gefühl der Ohnmacht vermittelt,
sondern konkret und fachlich-pädagogisch kompetent dort Anregungen und Hilfen
vermittelt, wo sie sinnvoll und notwendig sind.
Durch diese und die weiter oben angeführten
Hinweise, die der Inspektion vorgelegt und erläutert wurden, erklärt sich die
auf der Schulkonferenz artikulierte Enttäuschung, von der Inspektion wenig
weiterführende Anregungen erhalten zu haben.
LE/AM, 20.06.07