Es ist Dienstag, der 28. März 2006. Unsere Klasse, die 11e, steht erwartungsvoll vor den Toren
des Bundespräsidialamts direkt neben dem Schloss Bellevue, dem Amtssitz unseres Bundespräsidenten Köhler.
In unseren Gesichtern steht Unwissenheit geschrieben, in unseren und in denen von unseren
Lehrern, denn es hat uns keiner gesagt, um was es sich genau bei diesem Ausflug handelt.
Alles, was uns gesagt wurde, war, dass der italienische Staatspräsident Ciampi in Berlin
ist und wir als italienisch-deutsche Europaschüler daran teilhaben sollten. Aber wie?!
Glücklicherweise wird diese Frage schnell aufgeklärt, nachdem wir durch komplizierte
Sicherheitsbedingungen auf das Schlossgelände gekommen sind: unsere Führung, eine junge
Frau, bringt uns zunächst durch den Schlossgarten, an dem roten Teppich für das
Zusammentreffen der beiden Politiker vorbei, zu unserem Beobachtungsplatz.
Dort sehen wir dann eine Auswahl von ca. 300 Soldaten aus Heer, Marine und Luftwehr steif stehen,
die ebenfalls auf das Ereignis warten. Und dann werden wir endlich von der Unwissenheit
erlöst: das Bundespräsidialamt strebt danach, möglichst bei jedem Staatsbesuch eine
Schulklasse präsent zu haben, die sich den Ablauf des Staatsbesuches anschauen darf.
Die Klassen werden für gewöhnlich vom Bundespräsidialamt ausgesucht und eingeladen,
da versucht wird, immer eine Klasse einzuladen, die auch in irgendeiner Weise etwas
mit dem Herkunftsland des Gastpolitikers zu tun hat. Auf diese Weise ist dann auch
gleich die Frage geklärt, warum wir an diesem Ereignis teilnehmen dürfen. Allerdings
kann man sich als Schulklasse auch für solch einen Staatsbesuch bewerben, indem man
einen Brief ans Bundespräsidialamt schickt.
Dann wird uns kurz der Ablauf eines solchen Staatsbesuches erklärt, der zum größten Teil aus
einer veralteten Tradition besteht.
Hier die Kurzfassung: zunächst stellt jeder der beiden Politiker dem anderen die wichtigsten
seiner Angestellten vor, danach schreiten sie zu einem kleinen Podest vor dem roten Teppich,
wo sie bleiben bis die beiden Nationalhymnen gespielt wurden. Danach schreiten sie den roten
Teppich entlang, wobei der Gastpolitiker die Möglichkeit hat, die Soldaten des anderen zu
beäugen. Und das ist auch schon der Traditionsteil an dem Besuch. Der Gast darf sich die
Streitkraft des möglichen Feindes anschauen, was ein enormes Zeichen des Respekts ist, der
Gastgeber sich im Fall eines Krieges ja ausgeliefert hat, da der Feind seine Soldaten kennt. Nach dieser Zeremonie kommt dann der Höhepunkt: Ciampi läuft zusammen mit Köhler und
einem Dutzend Reportern an uns vorbei und führt sogar einen kleinen
Dialog mit uns, der uns ein Foto in der italienischen Tageszeitung ‚La Repubblica' verschafft.
Und das war auch das Ende unserer Teilnahme an diesem Staatsbesuch.
Insgesamt war dies sicher ein interessantes Erlebnis, von dem wir uns aber sicher mehr
versprochen hätten, denn einen wirklichen Sinn in dem ganzen Ausflug haben wir wohl immer
noch nicht erkannt.
Lesley D'Anna, 11e
Anmerkung der Klassenlehrerin (HIN)
Auch wenn der real zu erkennende Zweck dieses Ausflugs schwer in Worte zu fassen ist,
glaube ich, und da spreche ist für mich wie auch für die Schüler, ist alleine die persönliche
Gegenwart bei einem solch außergewöhnlichen Ereignis etwas Besonderes. Wer hat schon die
Möglichkeit bei einem Staatsbesuch ‚live' dabei zu sein und zwei so hohe Politiker nicht
nur dabei zu erleben, sondern so wie die Schüler sogar mit Ihnen einige Worte wechseln zu
können? Das alleine kann als Erlebnis bezeichnet werden und gelernt haben wir doch auch
etwas (Zeremonie!), nicht zu vergessen die Diskussionen verschiedenster Art danach, oder nicht?